|
|
Privat |
| Pfarradministrator Christian Wöber. |
|
Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit:
Liebe Schwestern und Brüder aus
Kirchzell und allen Ortsteilen,
in den letzten Tagen haben wir alle
etwas erlebt, was wohl vollkommen außerhalb unserer Vorstellung war:
Der Missbrauchskandal innerhalb der
Kirche – bisher nur über die medien präsent und weit weg – ist
hier bei uns angekommen.
Nahezu zeitgleich hat Papst Benedikt
den Marienwallfahrtsort Fatima besucht. Dabei hat er die
gegenwärtige Situation in der Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen
und der öffentlichen Anklage, weil die
Kirche eben hohe moralische Ansprüche verkündet, ins Licht der
Botschaft von Fatima gestellt. Er sagt: „Es war immer bekannt, aber
heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte
Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden,
sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und
darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, dass sie neu lernt,
Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; dass sie einerseits vergeben
lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn
Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht.“
(Benedikt XVI., Interview auf dem
Flug nach Portugal, 11.5.2010)
Wir sollen vergeben lernen, denn wie
wir es aus der biblischen Erzählung von der Sünderin wissen, kann
nur der den ersten Stein werfen, der ohne Sünde ist: also keiner von
uns!
Zugleich ist aber die Aufarbeitung
aller Vorwürfe notwendig, die der staatliche Gerichtsbarkeit
überlassen wird. Gerechtigkeit herzustellen für erlittenes Unrecht
soweit dies irgendwie möglich ist, ist der moralische Anspruch wie
Täter und Kirche den Opfern von Missbrauch begegnen müssen.
Für gläubige Menschen spielt dabei das Gebet eine wichtige Rolle,
gerade dann, wenn wir mit unseren menschlichen Mitteln nicht mehr
weiter wissen.
Soweit die wahrscheinlich für alle
nachvollziehbare, eine Seite der Medaille.
Aber wie das alles mit der konkreten
Situation hier bei uns in Einklang bringen? Wie das begreifen,
dass ein überaus geschätzter Seelsorger eine solche dunkle Seite
hat? Wie dabei nicht verzweifeln, wenn plötzlich die scheinbar
heile Welt zusammenbricht?
Papst Benedikt sagt dazu: „Der Herr
hat uns gesagt, dass die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden
würde bis zum Ende der Welt. Wichtig ist dabei, dass die Botschaft,
die Antwort von Fatima im Wesentlichen nicht auf bestimmte
Andachtsübungen abzielt, sondern auf die grundlegende Antwort, das
heißt die ständige Umkehr, die Buße, das Gebet und die drei
göttlichen Tugenden: Glaube Hoffnung und Liebe. So sehen wir hier
die wahre und grundlegende Antwort, die die Kirche geben muss,
die wir, jeder von uns, in dieser
Situation geben müssen. Unter dem Neuen, dass wir heute in dieser
Botschaft entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe
gegen Papst und Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die
Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der
Sünde, die in der Kirche existiert.“ (Benedikt XVI., Interview
auf dem Flug nach Portugal, 11.5.2010)
Es ist also eine Glaubensfrage, die
sich jeder und jedem von uns stellt. Es gibt sündhaftes Verhalten,
das viel Leid erzeugt. Wir Christen sind dazu aufgerufen zum eigenen
Fehlverhalten zu stehen, die Konsequenzen zu tragen
und wieder gut zu machen, was nur
irgendwie wieder gut zu machen ist. Denn nur so ist es möglich, dass
die Liebe Gottes auch in schwierigsten Situationen eine Chance hat.
Jesus sagt uns dazu im Evangelium im Gebet zu seinem himmlischen
Vater: „Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht ..., damit die
Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in
ihnen bin.“ (Joh 17,26).
Diese Botschaft hat Ihr Pfarrer seither
verkündet und vorgelebt; es ist daher nur konsequent, wenn er
sich jetzt der Verantwortung stellt und bereit ist die Konsequenzen
zu tragen.
Für uns alle, die wir mit dieser
Situation zurückgelassen sind, bleibt die Aufgabe uns – im
Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit – einzugestehen, dass
auch gute Priester Schuld auf sich laden können. Zugleich zu lernen,
ohne unseren bisherigen Pfarrer zu leben, denn das ist der Teil der
Konsequenz, die wir alle mitzutragen haben, weil Kirche und
Pfarrgemeinde in Freude und Leid eine Schicksals-Gemeinschaft ist.
Dabei gilt es das Herzensanliegen Jesu
zu beherzigen, das er ebenfalls in seinem Abschiedsgebet im
Angesicht des bevorstehenden Leids formuliert hat: „Alle sollen
eins sein.“ (Joh 17,21) Im gegenseitigen Stützen können wir durch
die kommende Zeit gehen und uns so gegenseitig des Glaubens
versichern, der bei vielen ins Wanken geraten ist. Das mir Mögliche
will ich dazu beitragen.
|